| Unser Wasser Hamburg |
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23.6.03: Das Milliarden-Geschäft mit dem Wasser (Radiofeature von NDR Info) |
| Unser Wasser Hamburg : 23.6.03: Das Milliarden-Geschäft mit dem Wasser (Radiofeature von NDR Info) |
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Das
Milliarden-Geschäft mit dem Wasser –
O-Ton 1:
Clark "We are just .... to be
here. Thank you so much for your hospitality. Thank for coming out on a
saturday
night.(drunterziehen)It`s
wonderful, to be here. We are on a book tour in Germany. Tony and I
wrote this
book to try to bring attention to the world of the world water crisis".
Autor: Es ist ein warmer
Samstagabend in
Hamburg, ein Wetter, um in den Biergarten zu gehen. Und dennoch
haben sich
mehr als 80 Menschen in einer Art Kunstgalerie im Uni-Viertel
eingefunden.
Sie wollen zwei Umwelt-Gurus sehen: Maude Barlow und Tony Clark. Maude
Barlow
ist Vorsitzende von Council of Canadians, der größten
kanadischen Bürgerrechtsorganisation
und Mitbegründerin einer internationalen Initiative zum
Schutz des Wassers.
Tony Clarke leitet ein Umweltinstitut in dem Land. Die beiden
Kanadier reisen
derzeit durch die Welt und verbreiten ihre Botschaft: "We all have got to stop
taking water for grant it. That there is growing crisis with the water
round the
world. We need to see the importance of water is something, that all
people to
need access to as well as the planet itself, we all need to have access
to
water. Therefore, we can`t allow water to simple fall into market
hands. We have
got to find a way of keeping the water in the commence, we've got to
find a way
of building public trusts, to make sure, that water is to deliver to
people and
we've a got to make sure, that cooperations don't take control over the
most
valuable and essential aced that we have, namely water.” Übersetzer: Wir müssen die Verschwendung von Wasser
stoppen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass das Trinkwasser als
Ware behandelt
wird und unter die Marktgesetze fällt. Kommunale Unternehmen
müssen sicher
stellen, dass die Menschen mit dem notwendigen Lebensmittel
vernünftig
beliefert werden und die Öffentlichkeit die Kontrolle über
das wichtigste Gut
behält, das wir haben: das Wasser. Autor: Die Botschaft der Beiden kommt nicht nur an
diesem Abend beim Publikum an. Ihr jüngst erschienenes
Buch „Das blaue
Gold“ scheint ungeachtet mancher Übertreibungen zu einer Art
Bibel der
Globalisierungs-Gegner zu werden. "We are finding, that
there is a lot interest in the part of the media. And we have to
keep in mind,
that the book is now being published in 15 countries round the world.
We
designed the contract with china and we are looking at one with
Indonesia right
now. So it gives you an idea, how the wide spread the book is, getting
in the
messages." Übersetzer: Wir haben festgestellt, dass das Interesse in
einem Teil der Medien sehr groß ist. In 15 Ländern der Erde
ist unser Buch
bereits erschienen, weitere Verträge mit China und Indonesien
stehen an.
„Wasser“ ist eben ein Thema, dass für alle Menschen auf der Welt
gleich
wichtig ist. Autor: Dass Barlow und Clark in Hamburg sind, ist
kein Zufall. Die Hansestadt ist in den Blick der
Globalisierungsgegner
geraten. Denn, so hat es in den Lokalzeitungen gestanden, die
„Hamburger
Wasserwerke“, ein gut geführtes, hochprofitables
Unternehmen, sollen möglicherweise
privatisiert werden. Die Stadt braucht dringend Geld. Gas- und
Elektrizitätswerke
sind bereits verkauft, und so bleiben vom einstigen kommunalen
Tafelsilber nur
noch die Wasserwerke, ein Unternehmen, das im vergangenen
Jahr einen Gewinn von 33,4 Millionen Euro gemacht hat. Der
Wert der
Wasserwerke wird immerhin auf 1,2 Milliarden Euro geschätzt. Die
Firma gilt als
gesund, nachdem sie einige hundert Leute entlassen und ihren
Kundenservice
ausgedünnt hat. Noch ist zwar nichts entschieden, doch
weiß
man aus anderen Städten, wie schnell so eine Privatisierung gehen
kann. Öffentlich
hat sich der Hamburger Senat zwar noch nicht festgelegt. Er hat jedoch
stets betont,
ein Verkauf werde geprüft, was Opposition und
Globalisierungsgegner in
ihrem Argwohn gestärkt hat. Hanno Hames, der Chef der Hamburger
Wasserwerke, hat seinerseits Interesse an „Gelsenwasser“
angemeldet, dem
größten privaten Wasserversorger Deutschlands. Das
traditionsreiche
„Gelsenwasser“ steht derzeit vor einer Übernahme. Um den
geschätzten
Kaufpreis von einer Milliarde Euro zusammen zu bringen, wollen sich die
Hamburger mit den „Mannheimer Versorgungs- und Verkehrsbetrieben“, MVV,
zusammen tun. Darüber hinaus müssten aber immer noch 750
Millionen Euro durch
Bankkredite finanziert werden. Die dafür fälligen Zinsen
dürften den Gewinn
der – noch – kommunalen Wasserwerke deutlich schmälern und
könnten die
Verbraucherpreise nach oben drücken. Das große Wassermonopoly ist also in
vollem
Gange, ein Spiel um Milliarden, über das Wasserwerke-Chef Hames
seinen
Mitarbeitern Redeverbot erteilt hat. Hanno Hames selbst hat einen lange
anberaumten
Gesprächstermin mit dem NDR kurzfristig abgesagt. Er bat um
Verständnis: Im
Augenblick sei jede Aussage heikel. Das gilt sowohl für das Interesse der
HWW an
„Gelsenwasser“, als auch für eine Übernahme der Hamburger
Wasserwerke
durch einen Großen der Branche. Im Gespräch sind die
„Rheinisch-Westfälischen
Elektrizitätswerke“, RWE, ein Energie-Konzern, der seit
wenigen Jahren
durch spektakuläre Übernahmen in die Spitzengruppe der
weltweit operierenden
Wasser-Versorger aufgestiegen ist. Doch Werner Böttcher, beim
Essener
Multi-Anbieter zuständig für die Sparte Wasser, dementiert
alle Kaufabsichten:
„Es hat keinerlei Gespräche
gegeben über
einen Erwerb für einen Anteil an den Hamburger Wasserwerken. Die
Hamburger
Wasserwerke sind eine Gesellschaft, die in der Region Hamburg und in
der
umliegenden Region sehr gut eingeführt ist. Ich kann mir
vorstellen, dass wir
mit den Hamburger Wasserwerken zusammen weitere Projekte generieren,
aber wir
haben uns nicht darüber unterhalten, dass die RWE oder „Thames
Water“ ein Käufer
der HWW wird.“ Die
Sprachlosigkeit der Hamburger Politik angesichts einer so wichtigen
Entscheidung
– schließlich geht es nicht um irgendeine Firma, sondern um ein
kommunales
Unternehmen, das mit den Geldern von Millionen von Wasserabnehmern
aufgebaut
wurde - verwundert nur auf den ersten Blick. Geheimnistuerei
gehört offenbar
zum Geschäft. Denn Politiker und Geschäftsführer
wüssten, dass sie für
etwaige Verkäufe und die Kommerzialisierung über
Leasing-Geschäfte eines
so lebenswichtigen Gutes wie das Wasser in der
Bevölkerung wohl keine
Zustimmung finden würden, stellt der Stuttgarter
Globalisierungsgegner Jens
Loewe fest, Geschäftsführer des „Netzwerkes Weltweite
Projekte“: O-Ton 5: Loewe: „Was für mich erfreulich bei
all den
Entwicklungen ist, dass die meisten Bürger - egal aus welcher Ecke
sie auch
kommen oder welche politische Coleur sie haben -, die meisten
Bürger sind an
dem Thema Wasser sehr interessiert und auch sehr
berührt. Das spiegelt sich
in der Tatsache wieder, dass wir in Deutschland schon über 30
Bürgerentscheide
hatten, die immer so ausgegangen sind, dass sich die Bürger gegen
den Verkauf
entschieden haben oder gegen das Crossborder-Leasing Geschäft.“ Damit befindet sich die Mehrheit der
Bevölkerung
übrigens durchaus im Einklang mit internationalen
Beschlüssen. Für die
UNO ist Wasser keine Ware, und auch das deutsche Kommunalrecht nimmt
das Wasser
aus dem Wettbewerbskatalog ausdrücklich aus. Doch diese Positionen geraten derzeit ins
Wanken. Auf dem „Weltwasserforum“ 2000 in Den Haag, einer Konferenz,
auf der
nach Aussagen von Globalisierungskritikern die Weltbank und große
Wasserkonzerne den Ton angaben, wurde festgelegt, dass Wasser nicht
länger ein
„Menschenrecht“, sondern eine „Handelsware“ sein solle. Ausgangspunkt dieser Neubewertung sind
objektive Probleme. In vielen Ländern herrscht Wassernot. Hinzu
kommt eine
mangelhafte Infrastruktur. So versickern in bestimmten Gegenden 50
und mehr
Prozent des kostbaren Süßwassers im Boden. Schließlich
kämpfen die meisten
Metropolen mit einem beängstigenden
Bevölkerungswachstum und – das
betrifft auch die Städte in den industrialisierten Ländern –
mit großer
Finanznot. Eine Expertengruppe der Weltbank sah
Handlungsbedarf.
Die Welt, so das wesentliche Argument, steuere auf eine
Wasserkatastrophe zu,
wenn es nicht gelinge, private Investoren zu überzeugen. Schon
heute, so die
Weltgesundheitsorganisation/WHO, sei mehr als eine
Milliarde Menschen ohne
gesundes Trinkwasser. Bis 2015 will die WHO die Zahl halbieren, dazu
benötigt
sie jedoch privates Kapital. Aber auch in Deutschland gebe es dringenden
Reformbedarf, so heißt es aus dem
Bundeswirtschaftsministerium. Der Markt
sei aufgeteilt unter mehr als 7.000 kommunalen Wasserunternehmen. Und
deshalb
viel zu zersplittert. Der Preis für das Wasser sei zu hoch, die
Monopolstellung
regionaler Anbieter nicht länger hinnehmbar. Im Jahr 2.000
ließ der frühere
Bundes-Wirtschaftsminister Werner Müller ein Gutachten
über den deutschen
Wassermarkt erstellen, dessen Kernaussagen bis heute nachwirken: Unter
der
Federführung des Berliner Wirtschaftsprofessors Hans
Jürgen Ewers
formulierten die Gutachter weitreichende Ziele in Richtung
Privatisierung:
Übersetzer/Zitat:
„Eine
höhere Wettbewerbsintensität soll die Anbieter zwingen,
Rationalisierungspotentiale verstärkt zu nutzen und die
Kostenvorteile in Form
vom niedrigeren Preisen an den Verbraucher weiterzugeben,
Größen und Verbundvorteile
zu nutzen und Entscheidungen über den Zuschnitt von
Versorgungsgebieten unter
wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu treffen. Schließlich
soll die internationale
Wettbewerbsfähigkeit deutscher Anbieter von
Wasserversorgungsleistungen
verbessert werden.“
Der Wassermarkt gilt als exzellente
Wachstumsbranche.
Das freut die Aktionäre. So hat RWE, der Multi
aus Nordrhein-Westfalen, im Jahr 2.000 für den Kauf von „Thames
Water“, dem
größten britischen Wasseranbieter, zwar 13 Milliarden
Mark hinblättern müssen,
doch habe sich das Geschäft gelohnt, sagt
Werner Böttcher. Obwohl die Wassersparte bei RWE nur
zu etwa vier
Prozent am Umsatz beteiligt ist, trug sie zuletzt immerhin 25 Prozent
zum Gewinn
bei: "Dieser große und
breite Einstieg
in das Wassergeschäft hat sich in den RWE-Konzern auf jeden Fall
gelohnt. Die
Wasserdivision bringt heute schon einen signifikanten Beitrag zum
Ergebnis des
Konzernes. Wir haben heute 70 Millionen zufriedene Kunden, das ist
schon was
sehr Positives, und wir sind Marktführer in der Bundesrepublik, in
Großbritannien
und den USA." Durch den Kauf von „Thames Water“ ist RWE,
wie es so schön heißt, zum Global Player geworden. Die
Beteiligungen des englische
Wasseranbieters, der anfangs nur den Großraum von London versorgt
hat, reichen
nämlich von Chile bis nach Shanghai. Und es ist noch viel Spielraum auf dem Markt.
Die Wasserversorgung ist sowohl in
Deutschland als auch in anderen Staaten überwiegend – das
heißt zu etwa 90
Prozent - in öffentlicher Hand. Bei den restlichen zehn Prozent
geben etwa 10
Konzerne global den Ton an. Unter den Großen sind es nicht
zufällig zwei französische
Gesellschaften, Suez und Vivendi, letztere hat sich
gerade in „Veolia Water“ umbenannt. In Frankreich
wird das
eigentliche Wassergeschäft traditionell von Privatfirmen
betrieben,
wohingegen das Netz in kommunaler Hand bleibt. Auch in Deutschland ist das Wasser
früher -
im 18. Jahrhundert - privat verkauft worden. Als dieses Modell aber im
Zuge der
Industrialisierung nicht mehr funktionierte, haben die Kommunen das
Geschäft an
sich gezogen und Monopole gebildet. Ihre Wasserwerke liefern – bis auf
den
heutigen Tag – Wasser in ausgezeichneter Qualität. Dieses
System ist jedoch seit einigen Jahren im Wandel. Reihenweise kauften
sich
private Wasseranbieter in kommunale Einrichtungen ein,
zumeist durch
Minderheitsbeteiligungen, aber auch darüber hinaus wie
RWE, die die
Wasserwerke in Mülheim zu achtzig Prozent übernahmen und sich
als sogenannte
Flurbereiniger und Freunde der Verbraucher anbieten. Werner
Böttcher: O-Ton
7: Böttcher "Wir
sind ein starker Partner für die Kommunen. Wir haben eine lange
Tradition, über
100 Jahre arbeiten wir mit Kommunen zusammen. Das
Wassergeschäft in
Deutschland steht vor signifikanten Investitionen, es steht vor
Effizienzsteigerungen,
und es steht vor Konsolidierungen, weil wir eine hohe Anzahl von
Wasserunternehmen in Deutschland haben, und dort partizipieren wir
als aktiver
Marktteilnehmer, um diesen Prozess nach vorne zu bringen". Der
bisher spektakulärste Verkauf in Deutschland betraf die
Wasserwerke Berlin.
RWE, der Versicherungskonzern Allianz und der französische
Wasseranbieter Vivendi,
jetzt „Veolia Water“, kauften für 3,2 Milliarden Mark 49,9 Prozent
der hoch
defizitären Berliner Wasserwerke. Fragt sich, was einen
Konzern dazu bringt,
in ein stark verschuldetes Unternehmen einzusteigen. Glaubt man Klaus Lanz,
dem Leiter des Fachinstituts „Water Affairs“ in Hamburg, dann geht es
dabei
keineswegs nur ums Wasser: O-Ton
8: Lanz "In
Deutschland ist ganz klar: Man kriegt nur viel Geld, wenn man auch die
Rohre mit
verkauft. Und das sind nicht nur die Rohre, das sind auch die
Grundstücke. Es
ist ´ne sehr lukrative Geschichte. Wenn man zum Beispiel sagt,
wir nehmen jetzt
Wasser aus einem Fluss statt aus einem Grundwassergebiet, dann wird
möglicherweise
ein großes Grundwassergebiet frei, was ich für die
Wasserversorgung nicht mehr
brauche, und dann kann ich da ein schönes Industriegebiet
einreichten, oder ich
kann Villen bauen, oder ich kann es sonst sehr lukrativ vermarkten. Und
das
zeigt sich in Berlin, dass tatsächlich die Vermarktung von
Wasserwerksgrundstücken
ein wesentlicher Punkt ist in der Geschäftsphilosophie". Zur
Arrondierung des Betriebes drängten die Investoren
zunächst darauf, dass
sich die Berliner Wasserwerke von defizitären Sparten wie dem
Betrieb
„Schwarze Pumpe“ trennen. Von Anfang an machten RWE und die anderen
Privatinvestoren klar, wer künftig der Herr im Hause ist.
RWE-Manager Böttcher:
O-Ton
9: Böttcher „Als
wir 99 im Rahmen der Teilprivatisierung mit unserem französischen
Partner 49,9
Prozent der Anteile übernommen haben, haben wir gleichzeitig aber
auch die
unternehmerische Führung übernommen. In der
damaligen Situation der
Berliner Wasserwerke waren Wettbewerbsaktivitäten
drin, die einfach nicht
mehr marktgerecht gewesen sind, und die haben wir in den letzten Jahren
bereinigt.“ Der
Prozeß der Wasser-Privatisierung ist in vollem Gange. Von den 940
Mitgliedsfirmen des „Verbandes Kommunaler Unternehmen“, zumeist
Stadtwerke, haben bereits die Hälfte private Beteiligungen.
Der Privatisierungskritiker
Jens Loewe sieht darin eine verhängnisvolle Entwicklung:
O-Ton
10: Loewe „Wasser
ist ein Stoff, der durch nichts ersetzbar ist. Und Wasser hat
eigentlich den
Rang, dass es von der Natur den Menschen, aber auch den Tieren, den
Pflanzen
gegeben worden ist, um zu leben, es ist sozusagen eine Art Naturrecht,
und das
ist der Grund, weshalb man das Wasser nicht wie Autos oder wie Telefone
verkaufen kann.“ Technisch
sei es gar nicht möglich, den Wassermarkt zu liberalisieren.
Die Infrastruktur
lasse ohnehin nur Monopole zu: O-Ton 11:Loewe: “Weil
Wasser ein sogenanntes leitungsgebundenes Gut ist. Das heißt, es
gibt nur eine
Wasserleitung, die in ihr Haus reingeht, und deswegen ist schon
von daher eine
Monopolisierung par excellence gegeben. Anders ist es beim Strom oder
beim
Telefon, da ist es möglich, dass verschiedene Anbieter anbieten
und dass ich
tatsächlich unter verschiedenen Telefonanbietern wählen kann.“ In
Deutschland steht die Privatisierungswelle am Anfang, in England begann
sie
bereits 1989 und geht zurück auf
die konservative Premierministerin Margret Thatcher. Die Folgen
werden
unterschiedlich bewertet. RWE-Wasserexperte Werner Böttcher ist
voll des Lobes: O-Ton
12: Böttcher "Die
Privatisierung der britischen Wasserwirtschaft ist ein voller Erfolg
gewesen.
Die Investitionen danach in das Wassernetz und in den Umweltschutz
haben
signifikant zugenommen. Wir sehen das an der Güte der
Wasserqualität in den
umliegenden Flüssen und in den Meeren, also das ist ein
großer Erfolg gewesen
für die britische Wasserwirtschaft insgesamt. Es gibt keine
mangelnde Wasserversorgung
in Großbritannien. Es gibt einen höheren Schwundgrad, als
wir es in
Deutschland haben, aber das ist absolut im europäischen
Durchschnitt." Klaus
Lanz von „Water Affairs“ ist anderer Meinung. In den ersten Jahren
seien über
20 Prozent der Mitarbeiter entlassen worden. Dennoch seien die
Wasserpreise um
25 Prozent gestiegen. Nur Börsianer hätten
von der Privatisierung kräftig profitiert: O-Ton
13: Lanz "Da
wurden an den ersten Tagen ungeheuer Handelsgewinne an der Börse
gemacht, jeder
wollte in die Wasserversorgung einsteigen. / Man konnte dann im
Nachhinein aber
feststellen, nachdem man dann eine staatliche
Regulierungsbehörde gegründet
hatte, die man erst für überflüssig hielt, dass
praktisch die gesamten
Gewinne, die an Aktionäre ausgeschüttet wurden, letztlich
nicht getätigte
Investitionen waren, die notwendig gewesen wären, um das Rohrnetz
zu erhalten
und zu sanieren und die Wasserwerke zu erneuern und so weiter. Man hat
mit großen
Leitungsverlusten jetzt zu kämpfen, man verliert 30, 35 40
Prozent des
Wassers aus den Leitungen, viele Regionen haben in Trockenzeiten
Schwierigkeiten, genügend Wasser an die Bevölkerung zu
liefern, und
notorisch ist der Fall von Yorkshire-Water, der in einem trockenen Jahr
über
Monate Hunderttausende von Menschen nur noch mit Tanklastern beliefern
konnte." Auch
in Deutschland hat es bereits Probleme mit der Privatisierung von
Wasser
gegeben. In Potsdam, wo sich die private „Eurawasser“, eine Tochter von
RWE,
in die kommunalen Stadtwerke eingekauft hat, sollte vor Jahren der
Kubikmeterpreis von 7,86 Mark auf 16,40 Mark steigen. Die Kommune
wusste sich
nicht anders zu helfen, als den Vertrag zu kündigen. „Eurawasser“
stieg
aus, aber nicht ohne eine saftige Abfindungssumme kassiert zu
haben, über
deren Höhe alle Beteiligten Stillschweigen bewahren. In
der aktuellen Diskussion geht es auch um die Frage der
Wasserqualität. Das
deutsche Trinkwasser ist in den allermeisten Regionen sehr gut,
vielfach besser
als das Mineralwasser im Supermarkt. Privatisierungs-Gegner
befürchten nun,
Deutschland werde „französische“ Verhältnisse bekommen. Klaus
Lanz: O-Ton
14: Lanz "Wir
setzen so stark es irgend geht auf Grundwasser, weil man sagt, das
Grundwasser
ist natürlich durch die Erdschichten geschützt. /
Die Franzosen sagen, wir nehmen das Wasser, an das wir am
leichtesten
rankommen, das ist in der Regel Flusswasser und bereiten es so auf,
dass es
Trinkwasserqualität hat. Aber ich warne ein bisschen davor, wenn
wir
privatisieren in Deutschland in der Wasserversorgung, dann werden
wir voll und
ganz diesen französischen Ansatz bekommen. / Und Trinkwasser
heißt eben nicht,
dass es Naturwasser ist. Sondern Trinkwasserqualität
heißt nur, das es 39
Qualitätsstandards einhalten muss, also nicht alle Substanzen
sind erfasst,
sondern nur die, die in der Trinkwasserverordnung stehen.“ Entsprechend
unterschiedlich sind die Preise. In Frankreich kostet der Liter 0,11
Cent, in
Deutschland 0,18 Cent. Wasser
ist ein leicht verderbliches Gut. Um einen Gütestandard zu
halten, der in
aller Regel deutlich über den Mindestnormen liegt, geben die
kommunalen
Wasserwerke viel Geld aus. Auf der Suche nach
Einsparmöglichkeiten könnten
künftige Eigner, so warnte schon vor Jahren das
„Bundes-Umweltministerium“,
gerade daran sparen. In einer Studie aus dem Jahr 2000 heißt aus:
Übersetzer/Zitat: „Das
Umweltbundesamt befürchtet, dass in der Folge einer
Liberalisierung bereits
erzielte Erfolge auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wasserwirtschaft
gefährdet
werden. Viele der heute im Rahmen der Wasserversorgung erbrachten
Leistungen für
den Umwelt- und Gesundheitsschutz sind nicht im Einzelnen
rechtlich fixiert
oder nur schwierig zu überwachen. Diese Leistungen könnten
auf einem
liberalisierten Wassermarkt zurückgefahren werden oder wegfallen.
Die
Konzentration er Wasserversorgungsunternehmen durch die
Marktliberalisierung
wird voraussichtlich zu einer Vernachlässigung kleinerer
Wassergewinnungsgebiete führen.“ Dass
sie womöglich die Qualitätsstandards nach unten drücken,
weisen die privaten
Anbieter weit von sich. Das könnten sie sich – schon wegen ihrer
Glaubwürdigkeit
- kaum leisten. Im Gegenteil, so Werner Böttcher von RWE, man
investiere sogar
in neue Umwelttechnik: O-Ton
15: Böttcher „Wir
investieren in fortschrittliche Technologien in
Wasseraufbereitung,
beispielsweise durch ultraviolette Bestrahlung des aufbereiteten
Wassers, um
es keimfrei zu machen, um einfach den chemischen Einsatz weiter zu
reduzieren.
Das machen wir deshalb, einfach weil wir die Qualität erhöhen
wollen. Und darüber
hinaus setzt das auch positive Signale für weitere Privatisierung,
setzt
positive Signale dafür, dass wir ein Partner sind, der vor allen
Dingen auch an
Umweltschutz und das Überschreiten von Gütestandards im
Wasser interessiert
ist.“ Doch
wie verbindlich sind derartige Aussagen? Globalisierungskritiker
wie Jens
Loewe zitieren Gegenbeispiele: O-Ton
16: Lowe “Es
gibt diese kleine, witzige Anekdote, dass beim letzten Weltwasserforum
ein
Einwohner aus Manila von den Philippinen ein Glas mit braun-gelbem
Wasser dem
Vorstandsvorsitzenden von dem Konzern Suez angeboten hat zum Trinken
mit dem
Hinweis, dieses Wasser, diese Brühe, sei aus seinen Leitungen
gekommen.“
Der
Wassermarkt verspricht hohe Profite, doch er ist nicht ohne Risiko. Die
französischen
Unternehmen Suez und Vivendi respektive Veolia sind hoch verschuldet.
Der Währungsverfall
in Asien und eine rigorose Einkaufspolitik haben den Unternehmen
schwer zugesetzt.
Eine hemdsärmelige und arrogante Firmenpolitik haben die
gesamte Branche
international in Verruf gebracht. Doch
die Weltbank wie auch die deutsche
Entwicklungshilfepolitik halten ihr
Engagement vor allem in der Dritten Welt für unverzichtbar. Sieht
es derzeit
doch danach aus, als ob sich die Großen der Branche nur noch auf
sicheren Märkte
engagieren wollen, wozu Afrika und Lateinamerika eben nicht
gehört. Werner Böttcher
von RWE – Thames Water: O-Ton
18: Böttcher „Grundsätzlich
ist unsere Strategie, dass wir unsere Position in den Kernländern,
die wir
definiert habe, das ist einmal Deutschland, das ist
Großbritannien und das ist
auch die USA, weiter entwickeln werden. Wir focussieren uns sehr stark
auf diese
Länder, da gibt es sehr viele Opportunitäten für uns,
auch profitable
Opportunitäten, und die werden wir weiter verfolgen.“
Für
global agierende Unternehmen wie RWE sind Länder interessant, die
bereits über
eine gute Wasserinfrastruktur verfügen und deren Kunden
zahlungskräftig
sind. So engagiert sich Vivendi respektive „Veolia Water“ besonders
stark im
Osten Deutschlands. Die Franzosen haben sich - außer in
Berlin - eingekauft
in die Wasserwerke von Leipzig, Gera, Merseburg, Görlitz und
Weißwasser. Doch
es ist nicht nur die Privatisierung, die viele Bürger beunruhigt,
es sind auch
dubiose Geldgeschäfte, zu denen manche
Stadtkämmerer in ihrer Not Zuflucht
nehmen. Man kann Wasserwerke nicht nur richtig verkaufen, man sie auch
nur zum
Schein verkaufen oder leasen. „Cross-Border-Leasing“ heißt
der Trick, ein
Spiel, das hochspekulativ ist.
Jens Loewe beschreibt die Möglichkeiten am Beispiel „seiner“
Stuttgarter
Wasserversorgung: O-Ton
19: Loewe „Was
das Wasser anbelangt, haben wir in Stuttgart die Situation, dass
wir einmal im
Februar 2002 das sogenannte NWS-Paket verkauft haben, NWS steht
für Neckarwerke
Stuttgart, damit haben wir also unser Rohrleitungssystem und unser
Trinkwasser
verkauft, für 4,5 Milliarden DM, damals war ja noch D-Mark. Und
dann haben wir
noch mehr veräußert aus dem Bereich Wasser, und zwar haben
wir zwei sogenannte
Cross-Border-Leasing- Geschäfte gemacht, mit denen wir einmal
unser Kanalnetz
und einmal einen Teil unserer Kläranlagen verleast - oder
Schrägstrich
-verkauft haben. Und der dritte Aspekt ist der, dass wir als
Stuttgarter unser
Trinkwasser ja im wesentlichen aus dem Bodensee beziehen von der
sogenannten
„Bodensee-Wasser-Versorgung“, und der zweite sogenannte Zweckverband
ist die
„Landeswasserversorgung“, und diese beiden Einrichtungen haben wir auch
vermietet oder verleast über ein Cross-Boarder-Leasing-Verfahren.“
Cross-Border-Leasing
macht sich die derzeitige amerikanische Steuergesetzgebung zunutze. Ein
US-
Investor kauft beispielsweise eine deutsche Anlage und macht das in den
USA
steuermindernd geltend. Die Steuerersparnis wird dann verteilt auf
den Käufer,
die verkaufende Kommune sowie natürlich auf Banken und
Anwaltskanzleien, die
im übrigen bei dem Deal das beste Geschäft machen. Das sehe
nach einem guten
Geschäft aus, in Wirklichkeit werde aber mit kommunalem
Vermögen – in diesem
Falle mit der lebensnotwendigen Wasser-Versorgung
spekuliert – warnt Jens Loewe: O-Ton 20: Loewe “Ein
Risiko besteht in einer späteren Erhebung der Quellensteuer in den
USA. Diese
Risiko wird in der Regel von der deutschen Kommune getragen. Weiterhin
verpflichtet sich die deutsche Kommune für die gesamte Laufzeit
des Vertrages
die Anlage in dem gleichen Zustand zu halten.
Das heißt,
eine U-Bahn, ein Klärwerk oder ein Schienennetz müsste zum
Beispiel für 99
Jahre in exakt demselben Zustand gehalten werden. Kommt die deutsche
Kommune dem
nicht nach, läuft sie Gefahr, wegen Vertragsverletzung in Anspruch
genommen zu
werden. Das dritte Risiko besteht darin, dass das Land, aber
letztendlich auch
der Staat, Deutschland, zur Haftung gezwungen werden kann, weil wir die
Sondersituation in Deutschland haben, dass ein Kommune nicht pleite
gehen kann.
Das heißt, in diesen Verträgen wird sehr aufwendig
geklärt, wer wo wann für
was haftet. Und vielleicht noch ein viertes Risiko: Alle diese
Verträge werden
nach amerikanischem Recht geschlossen und der Gerichtsstand ist New
York.“ Ob
Wasserwerke verkauft oder kommunale Anlagen verleast werden sollen,
eines fällt
immer auf: Alle Beteiligten bemühen sich um Stillschweigen, obwohl
es sich doch
bei den Geschäften um kommunales, also gemeinschaftliches Eigentum
handelt: O-Ton
21: Loewe „Mit
dem Ausverkauf der Städte, mit dem Ausverkauf des
öffentlichen Eigentums und
speziell mit den Cross-Border-Leasing-Verträgen sind wir in
eine Stufe der
Intransparenz eingetreten, die für einen demokratischen Staat
überhaupt nicht
mehr hinnehmbar ist. Es ist gang und gäbe bei den
Cross-Border-Leasing-Verträgen,
dass die meisten Sitzungen im Rathaus nicht öffentlich sind und
die
entsprechenden Gemeinderatsdrucksachen ebenfalls nicht
öffentlich sind. Des
Weiteren ist es so, dass so gut wie kein Gemeinderat, wenn er denn
über einen
solchen Verkauf abstimmt, den Originalvertrag in Händen hat oder
hatte. Das heißt,
diese Verträge, die oft zwischen 1000 und 2000 Seiten dick sind
und in
englischer Sprache abgefasst./ Das heißt also im Klartext, dass
die
Intransparenz dieser Verfahren an sich schon ein Riesenproblem
darstellen
und den parlamentarischen Prozess verhöhnen.“ Zurück
nach Hamburg. Hier stehen möglicherweise wichtige Entscheidungen
an: Einerseits
liebäugelt der Senat mit einer Teilprivatisierung der Wasserwerke,
andererseits
will sich das kommunale Unternehmen selbst durch Zukauf von
„Gelsenwasser“
vergrößern. Die
Verantwortlichen spielen – wenn sie sich überhaupt
äußern – den Fall
herunter. Es gehe ja nicht um eine vollständige Privatisierung der
kommunalen
Wasserwerke, sondern um eine Minderheitsbeteiligung. Ein Argument,
dass Klaus
Lanz vom Institut „Water Affairs“, nicht überzeugt:
O-Ton 22: Lanz "Wir
haben in anderen Fällen, wie zum Beispiel in Berlin, gesehen, dass
auch mit
einer 49,9prozentigen Beteiligung eine volle
Kommerzialisierung des
Betriebs verbunden ist. Das heißt, die Wasserwerke werden nicht
mehr im
Gemeinwohlinteresse betrieben, ausgerichtet auf beste
Qualität, Umweltschutz
und zuverlässige Versorgung, sondern sie werden
hauptsächlich so betrieben,
dass möglichst viel Geld erwirtschaftet wird, dass dann an
Aktionäre ausgeschüttet
werden kann. Und das ist eben bei 49,9 Prozent auch schon so. Wäre
das anders,
würde sich ja kein Privater dran beteiligen. Deswegen ist es egal,
ob man
teilprivatisiert oder voll privatisiert. Für die Bevölkerung
werden die
Auswirkungen die gleichen sein." Demgegenüber
betonen die privaten Anbieter, dass sie angetreten sind, den
deutschen
Wassermarkt, der in einem Reformstau stecke, zu sanieren. Wasser
könne künftig
sogar billiger werden, wirbt Werner Böttcher von RWE:
O-Ton 23: Böttcher, „Der
deutsche Markt ist so aufgeteilt, dass die große Mehrheit
noch von den
Kommunen betrieben wird, den Wasserversorgungsanlagen. Wir sind Partner
dort und
helfen. Das ist Punkt eins und Punkt zwei: Wir haben in einigen
Bereichen auch
Überkapazitäten, wo wir dazu beitragen können,
dass eine Konsolidierung
im deutschen Wassermarkt stattfindet.“ Doch
geht es wirklich nur um die Frage, wie teuer das Wasser sein soll?
Nein, meint
Jens Löwe vom „Netzwerk Eine Welt“, es geht um
Grundsätzliches:
O-Ton 24: Loewe: “Der
entscheidende Punkt ist die Verfügungsgewalt über das
Wasser. Man darf sich
nicht in die Irre führen lassen und immer nur darüber
diskutieren, ist das
Wasser jetzt in der Stadt ein Pfennig teuer und in der anderen Stadt
ein Pfennig
billiger. Denn das würde ja bedeuten, dass man sagt: Na ja, in
München ist ja
der Private ein Pfennig billiger, da wird das ´ne gute Sache
sein. Es geht hier
ganz grundsätzlich um die Frage,
wer die Verfügungsgewalt über das Trinkwasser hat. Und die
schlimme
Entwicklung im Moment besteht darin, dass wir als Bürgerschaft die
Verfügungsgewalt
über das Wasser verlieren, egal ob das jetzt ein Pfennig teuer ist
oder
billiger.“ Wie
andernorts haben Globalisierungsgegner auch in Hamburg eine
„Volksinitiative“ gegen den Verkauf der Wasserwerke ins Leben gerufen,
den
Vorläufer zu einem Bürgerbegehren. Bis Ende Juni wollen sie
die nötigen
10.000 Unterschriften zusammenbringen. Ob sie das Wasser-Monopoly
stoppen können,
muss jedoch bezweifelt werden. Dieses
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25.06.2003 |