Unser Wasser Hamburg
  Hamburg – Wasserversorgung für eine Zweimillionenstadt (Hintergrund-Materialien)
Unser Wasser Hamburg : Hamburg – Wasserversorgung für eine Zweimillionenstadt (Hintergrund-Materialien)


Wir danken Brot für die Welt für die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Betrages. (Unser-Wasser-Hamburg)

  

Hamburg – Wasserversorgung für eine Zweimillionenstadt

Hintergrund-Materialien

 

Autor: Frank Kürschner-Pelkmann

Herausgegeben von: Brot für die Welt, wasser@brot-fuer-die-welt.org, Juli 2003

www.menschen-recht-wasser.de

 

Geschichte

Hamburg entstand an den sumpfigen Ufern von Elbe und Alster. Die Lage am Wasser hat die

Hansestadt mit vielen älteren deutschen Städten gemeinsam. Wasser war der wichtigste Trans-portweg für alle Güter über eine größere Entfernung, es bot die Möglichkeit, sich mit breiten Gräben (und Wällen) gegen Feinde zu schützen und es lieferte die Kraft zum Betreiben von Mühlen. Im Falle von Hamburg erwies es sich als förderlich, dass der kleine Ort an einer Stelle der Elbe lag, wo sie – wenn auch mühsam – durch Furten überquert werden konnte. Die Lage an Fernstraßen und zugleich am Übergang von einem verzweigten Flusssystem zum Meer begünstigte den Aufstieg zu einem wichtigen Handelszentrum. Die verschiedenen Wallanlagen (vor allem die gewaltigen Festungsan-lagen des 17. Jahrhunderts) bezogen jeweils das Wasser der Elbe und seines Nebenflusses Alster in die Verteidigungsmaßnahmen mit ein. Die Nutzung von Wasser als Kraftquelle gab der Innenstadt ihr heutiges Gepräge, denn 1189 wurde die Alster aufgestaut, um eine Wassermühle zu betreiben. So entstand ein künstlicher See, der heute als Binnen- und Außenalster bekannt ist.

Wasser bedeutete aber zugleich auch Gefahr, vor allem durch große Überschwemmungen, die besonders die Bewohner der Elbinseln am Rande des Hamburger Stadtgebiets immer wieder trafen. Die Schäden hielten sich meist in Grenzen, weil das Elbtal bei Hamburg breit war und das Wasser sich über große Flächen verteilen konnte. Das hat sich durch die Eindeichungen der letzten Jahrhunderte und besonders der letzten Jahrzehnten stark geändert, was zu einem wesentlichen Teil erklärt, warum der Wasserstand bei Sturmfluten wie bei denen von 1961 und 1976 so hoch stieg. Hamburg liegt in dem Bereich der Elbe, in den kein Meerwasser mehr vordringt, wo aber das hereindrückende Nordseewasser bei Flut und das so gestaute Flusswasser zu einem relativ großen Tidenhub (Unterschied zwischen Ebbe und Flut) führen.

Wasser bedeckt heute 8 Prozent der Fläche der Hansestadt Hamburg, wovon etwa die Hälfte auf die Elbe und die Hafenbecken entfallen. Nur 2,2 Prozent des Elbufers auf Hamburger Gebiet sind noch „eingeschränkt naturnah“.1 Mindestens ebenso stark haben sich die menschlichen Eingriffe auf die Quellen und Bäche ausgewirkt. Noch im 19. Jahrhundert gab es im Norden, Osten und Westen des heutigen Stadtgebietes zahlreiche Quellen, die Bäche speisten und auch zur Trinkwasserversorgung dienten. Daran erinnern heute meist nur noch Straßennamen.

Die Trockenlegung großer Gebiete und das durch vielerlei Eingriffe verursachte Absinken des Grundwasserspiegels haben dazu geführt, dass heute keine dieser Quelle im Innenstadtgebiet mehr zur Trinkwasserversorgung herangezogen werden kann.

Die Wasserversorgung Hamburgs war seit dem Mittelalter dadurch bestimmt, dass die politisch mächti-ge Gruppierung in der Stadt die Kaufleute waren, die ein großes Interesse daran hatten, dass die Steuerbelastung gering blieb. Deshalb war die Wasserversorgung bis Mitte des 19. Jahrhunderts Privatsache, und erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein flächendeckendes, modernes Wasser-versorgungssystem für die ganze Stadt geschaffen. Bereits 1370 schlossen sich reiche Bürger zu einer „Feldbrunnen-Interessentschaft“ zusammen und erhielten ihr Wasser von einer Quelle durch eine Rohrleitung aus Holz. Die ärmere Stadtbevölkerung schöpfte ihr Trinkwasser vor allem aus den Fleeten, also den Kanälen, die die Stadt durchzogen und die zugleich auch Schifffahrtswege zu den Lagerhäusern der Kaufleute waren und die in großem Umfang zur Entsorgung des Abwassers dienten.

1 Vgl. Umweltbehörde Hamburg: Kursbuch Umwelt, Ziele für ein zukunftsfähiges Hamburg, Hamburg 2001, S. 72

Mit wachsender Bevölkerung musste das hygienische Probleme aufwerfen, das die Reichen der Stadt dadurch lösten, dass sie private Wasserversorgungsnetze bauten, für die sie Quellwasser oder Wasser aus der Alster nutzten. Das Alsterwasser wurde allerdings auch immer schlechter, seit sich an

dem Hamburger Binnensee im 19. Jahrhundert auch Fabriken ansiedelten, vor allem eine große Kattunfabrik. Den Armen blieben die Fleete oder der Kauf von Wasser von Wasserträgern, die es von den Quellen oder – wenn sie bequem waren – aus den Fleeten holten. Das berühmte Stadtoriginal Hummel war einer dieser Wasserträger.2 Erst nach dem großen Brand von 1842 wurde auf Initiative des britischen Ingenieurs David Lindley eine zentrale Wasserversorgung geschaffen, bestehend aus einem Wasserwerk an der Elbe oberhalb der Stadt und einem ausgedehnten Leitungsnetz. Dem gingen heftige öffentliche Debatten darüber voraus, ob die Wasserversorgung privat bleiben oder vom Staat übernommen werden sollte. Lindley und die anderen Verfechter der öffentlichen Versorgung konnten sich durchsetzen, und die Argumente des englischen Ingenieurs sind bis heute aktuell geblieben. Es gelte eine Versorgung sicherzustellen, „die Rücksicht auf die unvermögenden Classen der Bevölkerung“ nimmt. Lindley fügte hinzu: „Es bedarf bei dem letztgenannten Punkte keine Auseinandersetzung der wohlthätigen Folgen, welche eine reichliche Wasserversorgung auf die Gesundheit äußert, wohl aber eine Hervorstellung des Unterschiedes zwischen einer Überlassung des Wassers an die Unvermögenden entweder durch den Staat oder durch eine Interessentenschaft.“3

1844 nahm die „Stadt-Wasserkunst“ ihre Tätigkeit auf, aus der später die heutigen Hamburger Wasserwerke hervorgingen. Es entstand eines der modernsten Systeme Europas mit großen Becken, in denen die im Elbwasser enthaltenen Schwebstoffe sich absetzten, bevor das Wasser in einen Wasserturm gepumpt und dann über ein Leitungsnetz verteilt wurde. Aus Kostengründen verzichtete man allerdings auf eine Filterung des Wassers, das wäre dem Senat der Stadt zu teuer geworden.

 

Cholera in Hamburg

Diese Kosteneinsparung wirkte sich fatal aus. Zwar lag das Wasserwerk oberhalb der Stadt, aber bei Flut wurde das Wasser einschließlich der städtischen Abwässer flussaufwärts gedrückt und geriet so auch in das Trinkwasser. Das hat der Cholera-Epidemie von 1892 ihre katastrophalen Ausmaße gegeben. Hinzu kamen die unbeschreiblichen hygienischen Verhältnisse in den riesigen Armen-vierteln der Stadt, dem sogenannten Gängeviertel. Nachdem er die Zustände in den armen Wohn-quartieren der Stadt kennen gelernt hatte, erklärte Robert Koch: „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“4 Bei der Epidemie starben mehr als 8.000 Menschen.5

In nur 50 Jahren verdreifachte sich die Bevölkerung Hamburgs, so dass die Stadt 1890  mehr als 600.000 Einwohner hatte. Wie in den heutigen Metropolen im Süden der Welt lebten viele Menschen in Slums, die man im Hamburg des 19. Jahrhunderts Gängeviertel nannte. Die schlecht gebauten, feuchten Häuser standen dicht nebeneinander und zwischen ihnen blieben nur schmale Gänge, in die höchst selten ein Sonnenstrahl drang. Das Leben in diesen Vierteln war hart, gefährlich und ungesund. Es fehlte eine öffentliche Wasserversorgung, so dass viele Bewohner sich in Eimern das Wasser aus den Fleeten, den zahlreichen kleinen Kanälen der Stadt, holten. In diese Fleete flossen aber auch die Abwässer der Stadtbewohner und der wachsenden Industrie. Viele Häuser und Villen erhielten seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen privaten Wasseranschluss, etwas Ärmere konnten noch auf einen Gemeinschaftsanschluss in ihrer Mietskaserne hoffen, aber bis in die Häuser des Gängeviertels kam das Leitungswasser nicht, die Bewohner konnten nur einige Wasserzapfstellen nutzen. Diese Stadtteile sollten abge-rissen werden, galten als Schandfleck der Stadt und ihre Bewohner waren alles andere als wohlgelittene Bürger der stolzen Stadt. Aber auch das Trinkwasser aus der Leitung war von zweifelhafter Qualität, so dass ein Zoologe 1885 eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema „Die Fauna der Hamburger Wasserleitung“ vorlegen konnte.

Anlass für den Ausbruch der Krankheit im August 1892 war die damalige Globalisierung. Hamburg besaß einen der größten Häfen der Welt, und mit einem der Schiffe kam die Krankheit in die Stadt. So jedenfalls die eine Theorie. Andere waren überzeugt, dass einige der vielen Tausend Auswanderer, die über Hamburg nach Amerika fuhren, die Cholera aus Osteuropa eingeschleppt hätten. Dass sich die Krankheit so rasch ausbreitete, war „hausgemacht“,

lag an den schlechten hygienischen Zuständen in der Stadt. Im heißen Sommer 1892 fanden die Cholera-Bazillen ideale Bedingungen vor, um sich rasch auszubreiten. Selbst das städtische Wasserversorgungssystem war betroffen. Die Stadt hatte auf Filter verzichtet und diese Investition immer wieder hinausgezögert, bis es zu spät war. Mit jeder Flut wurden die ungereinigten Fäkalien der Stadt den Elbfluss hinaufgeschoben und gelangten bis zu der Stelle, wo Elbwasser für das städtische Wasserwerk aus dem Fluss gepumpt wurde. Damit war nach Ausbruch der Krankheit ein Cholera-Kreislauf geschlossen.

Dass die Krankheit so katastrophale Folgen hatte, lag auch daran, dass die politisch Verantwort-lichen der Stadt die Krankheit zunächst vertuschen wollten, weil die Mitteilung über den Ausbruch der Cholera sofort eine Quarantäne zur Folge hätte, mit großen wirtschaftlichen Nachteilen für die Kaufleute. Aber als Hunderte von Menschen starben, war nichts mehr zu verschweigen, und die Reichsregierung schritt energisch ein. Nicht nur wurde eine Quarantäne verordnet, sondern es wurde auch der bekannte Mediziner Robert Koch von Berlin nach Hamburg geschickt, um die dortigen Verhältnisse zu untersuchen und Vorschläge für den Kampf gegen die Seuche zu machen. Nachdem er die Zustände in den armen Wohnquartieren der Stadt kennen gelernt hatte, erklärte Robert Koch: „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“

Robert Koch hatte durch Forschungen nachgewiesen, dass die Cholera über das Wasser verbreitet wird und war deshalb besonders entsetzt über den Zustand der Wasserversorgung und die fehlende Abwasserentsorgung in großen Teilen der Stadt. Ein Schritt zur Bekämpfung der Krankheit bestand deshalb darin, durch das Bohren von Brunnen und den raschen Einbau von Filtern im städtischen Wasserwerk die Versorgung grundlegend zu verbessern. Auch wurden die Bewohner aufgefordert, das Trinkwasser abzukochen und kostenlos verteiltes Brunnenwasser einer Brauerei zum Trinken und Kochen zu verwenden. Nach einigen Monaten klang die Krankheit ab, und jetzt tätigte der Senat endlich die Investitionen zur Verbesserung der Wasser- und Abwassersituation, die schon vorher dringend erforderlich gewesen waren. Bis sich die Lebenssituation der Armen der Stadt deutlich verbesserte, verging allerdings noch viel Zeit. Dabei hatte Robert Koch bei seinem Besuch entsetzt festgestellt: „Ich habe noch nie  solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den Gängevierteln...“

 

Dass die Stadt wochenlang unter Quarantäne stand, traf auch die Kaufleute schwer. Dies erklärt vielleicht, dass Ende des 19. Jahrhunderts endlich entschlossene Schritte unternommen wurden, um die Wasser- und Abwassersituation grundlegend zu verbessern. Das schon vorher begonnene Projekt des Baus von Filtern zur Elbwasseraufbereitung wurde beschleunigt.6 Aber auch mit einer Filterung des Wassers blieb das Problem der schlechten Qualität des Elbwassers, nachdem sich immer mehr Industrieunternehmen am Ober- und Mittellauf angesiedelt hatten und außerdem die wachsenden Städte große Mengen ungeklärten Abwassers in den Fluss einleiteten. Deshalb wurde im 20. Jahrhundert die Unabhängigkeit vom Elbwasser zu einem zentralen Ziel der Wasser- versorgung Hamburgs.7 Es wurden systematisch neue Wasserwerke gebaut, aber erst von 1964 an wurde kein Elbwasser und anderes Oberflächenwasser mehr für die Trinkwasserversorgung eingesetzt. 

2 Vgl. hierzu Alfred Meng: Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, Hamburg 1993, S. 15ff.

3 Zitiert nach: Alfred Meng, Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, a.a.O., S. 56

4 Zitiert nach: Ernst Christian Schütt: Die Chronik Hamburgs, Dortmund 1991, S. 320

5 Eine ausführliche Darstellung der Cholera in Hamburg und ihrer Ursachen findet sich in dem Buch „Der blaue Tod – Die Cholera in Hamburg 1982“, herausgegeben von Antje Kelm (Hamburg 1992)

 

Wasserversorgung heute

Im Hamburg sind Wasserversorgung und Abwasserentsorgung auf zwei selbständige Betriebe aufgeteilt, die Hamburger Wasserwerke (HWW) und die Hamburger Stadtentwässerung. Die HWW sind für die Wasserversorgung der Hansestadt und von mehr als zwei Dutzend Gemeinden im Umland verantwortlich. Es ist das größte kommunal betriebene Wasserunternehmen in Deutschland, nachdem die Berliner Wasser-Betriebe vor einigen Jahren privatisiert worden sind. Gemessen an der Zahl der Kunden ist es der drittgrößte Wasserversorger hinter den Berliner Wasser-Betrieben und der Gelsenwasser AG, die allerdings kein geschlossenes Versorgungsgebiet hat, sondern sich durch die Übernahme von früher kommunal betriebenen Wasserwerken über verschiedene Bundesländer ausgedehnt hat.8

Die HWW betreiben 19 Grundwasserwerke, von denen einige sich in Schleswig-Holstein und Niedersachsen befinden. Es gibt 480 Förderbrunnen, aus denen jährlich etwa 120 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert werden. 2001 erzielte das Unternehmen einen Gewinn von 52,5 Millionen DM, was es ermöglichte, die Konzessionsabgaben an die Stadt Hamburg und die beteiligten Umlandgemeinden zu zahlen, die etwa in Höhe des Gewinns fällig wurden.9 Die HWW haben 1.630 Beschäftigte (Stand Ende 2001), einschließlich der Beschäftigten der Tochtergesellschaften.10

Die HWW haben über ein Tochterunternehmen die Verantwortung für die Hamburger Schwimmbäder übernommen, ein Geschäftszweig, der Defizite erwirtschaftet, was auch für andere öffentlich betrie-bene Bäder gilt. Die Defizite werden aus den Gewinnen aus dem Wassergeschäft ausgeglichen, sicher kein attraktives Arrangement für einen möglichen privaten Betreiber der Wasserwerke, so dass zu erwarten wäre, dass hierfür Steuergelder eingesetzt werden müssten. 2001 wären 35,8 Millionen Euro Verlustausgleich fällig geworden.11

1980 haben die HWW die Tochterfirma Consulaqua gegründet, die innerhalb Deutschlands und international Beratungsaufträge ausführt. Das Unternehmen ist in den Bereichen Wasserversorgung, Altlastensanierung sowie Unternehmens- und organisatorische Beratung tätig.

Zu den Beratungsgegenständen im Jahre 2001 gehörten zum Beispiel eine Kläranlage im Jemen, das Management der Wasserversorgung in der Hauptstadt von Burkina Faso und die Sanierung des Wasserwerks in Soltau.12 Der Umsatz der Consulaqua belief sich 2001 auf 3,7 Millionen DM. Die Firma ist also ein kleiner Akteur im globalen Wasserberatungssektor, aber gerade durch die Beratung bei kleineren Vorhaben wird ein Beitrag dazu geleistet, Alternativen zu der Übernahme des gesamten Wasserbereichs durch einige wenige global agierende Konzerne geleistet.

6 Vgl. Alfred Meng: Die Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, a.a.O., S. 146

7 Vgl. ebenda, S. 158f.

8 Vgl. Waser-Magazin, HWW, November 2001, S. 3

9 Vgl. HWW-Geschäftsbericht 2001, S. 23

10 Vgl. HWW-Geschäftsbericht 2001, S. 24

11 Vgl. HWW-Geschäftsbericht 2001, S. 23

 

Aufgaben der Wasserversorgung einer Millionenstadt

Die HWW sind stolz darauf, dass sie ausschließlich Grundwasser für die Trinkwasserversorgung

heranziehen. Die Nutzung von Flusswasser und Wasser aus Seen wurde bereits vor Jahren ein- gestellt, weil die Qualität nicht mehr ausreichend war. 60% des Grundwassers wird aus tiefen Wasserleitern geholt, wo sich die vielfältigen Schädigungen der Wasserqualität durch Industrie, Landwirtschaft und Haushalte (noch) nicht auswirken. Aber die Risiken sind groß. In einem grund-legenden Werk zur Hamburger Wasserversorgung schreibt Alfred Meng: „Bei nüchterner Einschät-zung der Situation wurde schon vor vielen Jahren klar, dass mittel- und langfristig einige Wasserge-winnungen so gefährdet sind, dass sie vermutlich ganz oder zum Teil aufgegeben werden müssen. 40% (!) werden langfristig als gefährdet eingestuft.“13

Um die Trinkwasserqualität langfristig zu sichern, und dies besonders in den Gebieten, wo ober- flächennahes Grundwasser gefördert wird, haben die Stadt und die Wasserwerke in den letzten Jahren zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Dabei wirkt sich positiv aus, dass kommunales Wasserunter- nehmen und städtische Verwaltung eng zusammenarbeiten. Ein wichtiger Schritt ist die Ausweisung von Wasserschutzgebieten, wo landwirtschaftliche und gewerbliche Tätigkeiten nur eingeschränkt möglich sind. Wie schwierig es ist, solche Schutzgebiete auszuweisen, lässt sich daran ablesen, dass gegen das erste dieser Vorhaben 894 Einwender zu Wort kamen.14 In einem Falle dauerten die Verfahren 23 Jahre, bis ein Schutzgebiet ausgewiesen werden konnte.15 Das städtische Konzept orientiert sich am Ziel der „Kooperation statt Konfrontation“. Die HWW haben eine landwirtschaftliche Fläche in ihrem Besitz im Nordosten Hamburgs bewusst an einen ökologisch wirtschaftenden Landwirt verpachtet, um sicherzustellen, dass es zu keinem Einsatz von Pestiziden etc. kommt.16 Die gezielte Förderung ökologisch arbeitender Landwirtschaftsbetriebe entsprach wiederum auch den umweltpolitischen Zielsetzungen der früheren rot-grünen Koalition in Hamburg.

Ein großes Problem stellen in der Industriestadt Hamburg die Bodenbelastungen mit Schadstoffen dar. Dies betrifft sowohl Deponien als auch die Flächen, die von Industriebetrieben genutzt worden sind. In der Deponie Georgswerder nahe der Autobahn und ganz in der Nähe eines damaligen Wasserwerkes wurden 1987 große Mengen Schwermetall entdeckt. Seither kann nur mit Millionen-beträgen verhindert werden, dass die zahlreichen giftigen Stoffe, die unter den Hausmüll gemischt wurden, in das Grundwasser eintreten. Dieses technisch aufwendig gestaltete Sanierungsprojekt hat Modellcharakter in Deutschland, zeigt aber auch, dass es Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern kann, bis sich die Belastung durch industrielle Abfälle abbauen lässt. Das frühere Werksgelände der Firma Boehringer im Osten der Stadt ist ein weiteres bundesweit bekanntes Sanierungsprojekt, das Millionenbeträge gekostet und sich über Jahre hingezogen hat. Insgesamt gibt es in Hamburg 2.200 Flächen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie mit industriellen Altlasten die Umwelt und besonders das Trinkwasser gefährden.17 Wenn man sich fragt, wie gefährdet und wie aufwändig die Trinkwassergewinnung heute in einer Großstadt sind, müssen diese Belastungen und Kosten eingerechnet werden.

12 Vgl. HWW-Geschäftsbericht 2001, S. 76

13 Alfred Meng: Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, a.a.O., S. 366

14 Vgl. Wasser-Magazin, HWW, Mai 1999, S. 16

15 Vgl. Alfred Meng: Die Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, a.a.O., S. 366

16 Vgl. Wasser-Magazin, November 2001, S. 12ff.

 

Zu den positiven Entwicklungen gehört, dass die Gewässerqualität in Hamburg in den letzten Jahren deutlich verbessert werden konnte. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass in Tschechien und den neuen Bundesländern große Investitionen zur Verminderung der schädlichen Einleitungen getätigt wurden. Aber auch die Industriebetriebe in Hamburg selbst erfüllen inzwischen deutlich höhere Umweltanforderungen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Positiv wirkt sich auch aus, dass sämtliche Einleitungen in die Elbe und ihre Nebenflüsse auf Hamburger Gebiet zum Teil gestoppt und zum Teil überprüft werden. Der „Elbebadetag“ und die Aussicht, bald wieder in der Alster schwimmen zu können, bringen zum Ausdruck, dass die Risiken für das Grundwasser durch versickerndes Flusswasser deutlich gesunken sind.

Einschränkend muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass in Hamburg, wie in anderen deutschen Städten, die Belastungen durch einzelne Unternehmen und einzelne giftige Stoffe zurückgehen, dafür aber die Gefahren durch diffuse Belastungen, die in das Fluss- und Grund-wasser eindringen, ständig steigt. Es gibt mehr als 100.000 chemische Stoffe in unserer Umwelt und eine noch weit größere Zahl von neuen chemischen Reaktionen bei deren Zusammentreffen, die bisher nicht untersucht sind. Seit 1981 dürfen in der EU nur Chemikalien auf den Markt gebracht werden, die im Blick auf ihre Umweltwirkung untersucht sind, aber von den vielen Tausend „Altstoffen“ waren bis 2001 gerade einmal 22 (!) auf Umweltrisiken untersucht worden.18 Hier sind einzelne Wasserwerke und Umweltbehörden im EU-Raum völlig machtlos, zumal es kaum möglich ist, das Trinkwasser auf alle bestehenden Risikostoffe zu untersuchen. Ein konkreter Beitrag der Einzelnen kann darin bestehen, auf Haushaltschemikalien weitgehend zu verzichten und auf unbedenkliche Bioprodukte umzusteigen.

Einen Risikofaktor bilden zum Beispiel Medikamente, deren Reste in das Abwasser geraten und in bisherigen Kläranlagen nicht herausgefiltert werden. Negative Auswirkungen auf die Fischpopulation unterhalb von Kläranlagen gehen von Hormonverbindungen aus, die zum Beispiel in Antibabypillen enthalten sind. Auch in der Massentierhaltung eingesetzte Medikamente werden zunehmend ein Problem für das Grundwasser und die Fließgewässer. In Hamburg werden Stichprobenunter-suchungen des Trinkwassers und der Umwelt auf Arzneimittelüberbleibsel durchgeführt.

In einem Umweltbericht heißt es: „Die Gehalte an Arzneistoffen in den Oberflächengewässern Hamburgs liegen in der gleichen Größenordnung wie an anderen vergleichbaren Orten in Deutschland.“19 Die Umweltbehörde Hamburg hat in der rot-grünen Regierungszeit verschiedene Anläufe im Bundesrat und bei der Umweltministerkonferenz unternommen, um solche Risiken in Deutschland und im EU-Raum zu vermindern, ohne dabei große Erfolge zu erzielen.

Ein weiteres Problem in Großstadtregionen wie Hamburg besteht darin, dass durch die Versiegelung großer Flächen die anfallenden Regenmengen zu einem erheblichen Teil in die Kanalisation und dann über die Flüsse ins Meer gelangen, die dann für die Neubildung von Grundwasser fehlen. Im Falle von Hamburg wird von der Umweltbehörde zudem die Gefahr diagnostiziert, dass die Schad-stoffe, die zusammen mit dem Regenwasser in die Fließgewässer gespült werden, deren Wasser-qualität erheblich beeinträchtigen können.20 Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, warum in einer Metropole wie Hamburg die Beobachtung, dass es viel regnet, nicht zu dem Schluss verleiten darf, es gäbe auch zukünftig keinen Mangel an sauberem Trinkwasser.

Hier sei abschließend wenigstens noch kurz ein weiteres Problem genannt, die Schadstoffe, die über die Luft und Niederschläge in den Wasserkreislauf geraten. Der „saure Regen“ ist die bekannteste Form solcher Belastungen. Vor allem Seen, die früher zur Gewinnung von Trinkwasser dienten, fallen inzwischen vielerorts als Versorgungsmöglichkeit aus, weil die Schadstoffbelastung zu groß ist. Aber auch in den oberen Erdschichten und damit im oberflächennahen Grundwasser sind die Belastungen nachweisbar und ein großes Risiko für die Qualität des Trinkwassers.

17 Vgl. Kursbuch Umwelt, a.a.O., S. 128f.

18 Vgl. Kursbuch Umwelt, a.a.O., S. 189

19 Kursbuch Umwelt, a.a.O., S. 196

 

Wassersparen lohnt sich

Angesichts der begrenzten Wasservorräte in der Region gehört es zu den großen Erfolgen der

Hamburger Behörden, der Wasserwerke, der Industrie und der Haushalte, dass die Wasserförderung

seit 1980 um rund 60% gesenkt werden konnte. Einen wesentlichen Anteil daran hat die Industrie. Industrieunternehmen haben wassersparende Produktionsverfahren  eingeführt und betriebsinterne Wasserkreisläufe aufgebaut, die es ermöglichen, Wasser mehrfach zu nutzen. Diese Einsparungen haben den Effekt, dass die Grundwasserstände in tiefen Grundwasserleitern in vielen Stadtteilen wieder merklich angestiegen sind.21 Ein weiterer Erfolg war Ende 2002 zu vermelden. Die Norddeut-sche Raffinerie, früher als „Dreckschleuder“ bezeichnet und Gegenstand vieler kritischer Kampagnen und Medienbeiträge, hat neben anderen Umweltschutzmaßnahmen auch in ein Wasseraufberei-tungssystem investiert, dass es ermöglicht, Elbwasser zu nutzen und auf Grundwasser zu verzichten.22 Solche positiven Entwicklungen verdienen Anerkennung. Sie sind vor allem ein Ergebnis einer verantwortlichen Unternehmensleitung, aber auch darin begründet, dass die Kritik von Umwelt-schutzorganisationen und hartnäckige Verhandlungen der Behörden Wirkung gezeigt haben.

Auch der private Verbrauch von Trinkwasser hat abgenommen. Betrug er in Hamburg 1992 noch 136 Liter, so war er 2002 auf 120 Liter gesunken. Er nimmt weiter ab und liegt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Im Vergleich zum Jahre 1980 ist die Trinkwassermenge um 20% gesunken. Dazu haben die vielfältigen Initiativen der Wasserwerke zur Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit wesentlich beigetragen. Ein „WasserBus“ und ein Ausstellungs- und Bildungszentrum, das „Wasser Forum“ sind hierfür besonders wichtig.23 Angesichts solcher Erfolge wehren die HWW sich dagegen, wenn EU-weit Preisvergleiche angestellt werden, ohne die verbrauchte Wassermenge pro Kopf der Bevölkerung zu berücksichtigen.

Da etwa 80% der Kosten weitgehend unabhängig von der gelieferten Wassermenge entstehen (z.B. für den Bau und die Wartung von Leitungen) ist klar, dass in Ländern, wo pro Haushalt sehr viel Wasser verbraucht wird, der Kubikmeterpreis relativ niedrig ist.24 Einem Wasserunternehmen, das seine Kunden systematisch zum Wassersparen ermutigt und dabei technisch berät, dann vorzuhalten sein Kubikmeterpreis sei höher als der Preis bei einem Konkurrenten, der alles tut, um möglichst viel Wasser abzusetzen, ist unsinnig und unter ökologischen Gesichtspunkten unverantwortlich. Dass die HWW es geschafft haben, trotz sinkender Absatzmenge die Preise pro Kubikmeter seit 1996 konstant zu halten, ist ein überzeugender Beleg dafür, wie effizient kommunale Wasserunternehmen arbeiten können. Der Preis liegt mit 1,37 Euro deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 1,70 Euro.25

Im Blick auf Einsparungen bei der Hamburger Wasserversorgung ist auch zu erwähnen, dass im 5.500 km langen Leitungsnetz der HWW nur 5% des Wassers durch Leckagen verloren gehen. Damit liegt Hamburg weit vor anderen Großstädten. Der Vergleich mit dem privatisierten Londoner Wasserunternehmen Thames Water (das inzwischen zum RWE-Konzern gehört) ist eindeutig. Dort belaufen sich die Wasserverluste auf 40-50%

Auch in Hamburg sind weitere Einsparungen des Wasserverbrauchs möglich und erforderlich. So ist zu erwarten, dass die Installation von Wasserzählern in denjenigen Mietwohnungen, in denen sie bisher fehlen, bis 2004 zu einem weiteren Absinken des privaten Verbrauchs führen wird. Es wird erhofft, durch diese und andere Maßnahmen den Pro-Kopf-Verbrauch in Hamburg auf 110 Liter pro Einwohner zu vermindern, ein Spitzenwert unter den Metropolen der Welt. Allerdings, solche Bemüh-ungen stehen diametral allen Bestrebungen entgegen, mit der Wasserversorgung möglichst viel Geld zu verdienen. Es ist kein Zufall, dass international tätige private Wasserversorgungsunternehmen wie Vivendi nicht zu den Vorreitern des Wassersparens gehören.

20 Vgl. Kursbuch Umwelt, a.a.O., S. 80

21 Vgl. Kursbuch Umwelt, a.a.O., S. 141

22 Vgl. Hamburger Abendblatt, 16.10.2002

23 Das WasserForum ist das größte Wassermuseum Norddeutschlands. Ob es in dieser Form nach einer Privatisierung noch fortgeführt werden würde, kann bezweifelt werden.

 

 

Wassersparen – noch sinnvoll?

Muss in Hamburg überhaupt Wasser gespart werden? Diese Frage wird in der Wasser- und Abwasserbranche diskutiert, weil der sinkende Wasserverbrauch einige technische Probleme aufwirft, zum Beispiel weil das für den heutigen Bedarf nicht selten überdimensionierte Leitungsnetz zu einer zu niedrigen Fließgeschwindigkeit der Abwässer führen kann. Das lässt sich zwar technisch lösen, aber es ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden, so dass es einfacher erscheint, wieder zu einem höheren Wasserverbrauch zu ermutigen und so noch höhere Einnahmen zu erzielen.

Dass dies ein kurzfristiges Denken ist, zeigt sich exemplarisch an der Hamburger Wasserversorgung. Das jetzige Niveau der Versorgung beruht darauf, dass weiterhin 40% des Wassers aus oberflächen-nahen Wasserleitern entnommen werden kann und dass eine größere Menge des kostbaren Nasses aus der Nordheide nach Hamburg gepumpt wird. Angesichts der erwähnten zahlreichen Altlasten im Hamburger Boden ist es sinnvoll, die Abhängigkeit von oberflächennah gewonnenem Wasser zu reduzieren (und selbstverständlich trotzdem die Risiken einer Schädigung systematisch zu vermindern).

Im Blick auf die Auswirkungen des Wasserentnahme in der Nordheide südlich von Hamburg gibt es zwei diametral entgegengesetzte Bewertungen. Die Hamburger Wasserwerke stufen die Entnahme als ökologisch unbedenklich ein. Die Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide (IGN) berichtet hingegen, dass der Wasserspiegel in der Umgebung des Wasserwerkes sinkt und die Bäche selbst bei ergiebigem Regen weniger Wasser führen. Bereits 1999 wurde ein Absinken des Grundwasserspiegels um 40 Zentimetern diagnostiziert.27

Die HWW sind vertraglich berechtigt, bis zu 25 Millionen Kubikmeter im Jahr zu gewinnen, haben sich aber in den zurückliegenden Jahren auf 15 bis 16 Millionen Kubikmeter beschränkt. Aber die IGN sieht schon diese Menge als zu groß an und protestierte heftig dagegen, als die HWW-Förderung im Jahre 2002 auf 20 Millionen Kubikmeter erhöht wurde.28

Der bisherige Vertrag läuft bald aus, und die HWW möchten ihn mit einem Volumen von 20 Millionen Kubikmetern im Jahr für den Zeitraum 2005 bis 2035 verlängern. „Hamburg braucht das Wasser“, erklärt HWW-Chef Hames.29 Die IGN lehnt solche Pläne schärfstens ab und findet dabei bei den Umweltschutzorganisationen BUND und NABU Unterstützung.30

Angesichts solcher Probleme wäre es verantwortungslos, die These zu verbreiten, es gäbe lang- fristig genug Trinkwasser für Hamburg und Wassereinsparungen seien überflüssig. Zu erwähnen ist schließlich, dass die HWW 40 Prozent des Trinkwassers aus den Werken außerhalb Hamburgs deckt.31 Selbst wenn man die HWW-Versorgung von Umlandgemeinden einrechnet, bleibt die Tatsache bestehen, dass die Hansestadt ohne die Wasserlieferungen aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen rasch unter Wassermangel leiden würde.

24 Vgl. Hanno Hames: Wasserversorgung nicht zerreden!, in: Andreas Dally (Hrsg.): Wasser & Wirtschaft, Handlungsoptionen gegenüber dem Liberalisierungsdruck, Evangelische Akademie Loccum, Loccum 2002, S. 64

25 Hamburger Abendblatt, 19.6.2002

26 Kursbuch Umwelt, a.a.O., S. 143

 

Hamburg und die Privatisierungsdebatte

Bisher gehören die HWW und ihr Geschäftsführer Hanno Hames unüberhörbar zu den Verfechtern einer kommunalen Wasserversorgung und zeigen sich skeptisch bis ablehnend gegenüber Privati- sierungsbestrebungen. Im Geschäftsbericht 2002 wird auf die Forderung von NGOs nach einem Menschenrecht auf Wasser eingegangen: „Diese Forderung richtet sich vor allem auf die gesicherte Verfügung über ausreichend Wasser in Drittweltländern zu Bedingungen, die auch für die armen Bevölkerungsmehrheiten Wasser nicht zum Luxusgut werden lassen. Sie berührt damit die Kriterien internationaler Wirtschafts- und Finanzorganisationen für die Entwicklung der Wasserinfrastruktur und die Frage ausschließlich profitorientierter Aneignung von Ressourcen und deren Kontrolle.“32

In dem Geschäftsbericht heißt es dann u.a. im Blick auf die Situation in Deutschland: „... gilt es, einer Monetarisierung der Wasserversorgung unter Preisgabe des bislang in der Wasserwirtschaft verbindlichen Kodex entgegenzuwirken“33. In dem Geschäftsbericht tauchen verschiedene Argumente auf, die auch von anderen Gegnern einer Privatisierung immer angeführt werden. Auch bei einem Vortrag in der Evangelischen Akademie Loccum im Februar 2001 vertrat Hanno Hames diese Linie: „Die Wasserversorgung stellt eine langfristig angelegte Daseinsfürsorge auf qualitativ hochwertigem Niveau bei sozialverträglichen Preisen mit Verantwortung für die lokale und regionale Wasserwirtschaft und den Schutz der Umwelt dar. Kurzfristige Gewinnmaximierung ist mit diesen Zielen nicht vereinbar... Die Kunden als Bürger sind in gewisser Weise Eigentümer der Wasserver-sorgungsanlagen in ihrem Versorgungsgebiet. Deshalb sollte in den Kommunen mit mehr Verant- wortungsbewusstsein als nur mit einem Blick auf die Deckung der jeweiligen Haushaltslücke gehan- delt werden. Es darf nicht zu einer kurz- und langfristigen Substanzschwächung der kommunalen Wirtschaft kommen. Das gesellschaftliche Kapital, das in der öffentlichen Wirtschaft verwirklicht ist, muss erhalten werden.“34

Bundesweite Aufmerksamkeit in der Branche löste im Herbst 2001 die HWW-Austritt aus dem Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) aus.35 HWWGeschäftsführer Hanno Hames begründete dies mit der Haltung des Verbandes in Privatisierungsfragen: „Trotz vieler Bemühungen, die Interessen der Wasserwirtschaft im BGW besser zur Geltung zu bringen und der Auslieferung der Wasserversorgung an Marktinteressen entgegenzuwirken, muss ich weiterhin eine unklare, widersprüchliche und an Einzelinteressen ausgerichtete Verbandspolitik feststellen... Wir halten es für sinnvoll, eine deutliche Positionsbestimmung der deutschen Wasserwirtschaft gegen-über Politik und Öffentlichkeit zu erreichen, die sich den Grundsätzen der Nachhaltigkeit, der hohen Produktqualität und dem Gewässerschutz aus Verantwortung für die Verbraucher und für die Zukunft verpflichtet fühlt. Dies darf nicht Lippenbekenntnis bleiben angesichts von Interessen, die vorrangig auf Marktmacht und Gewinnerzielung setzen.“36 Auch in der HWW-Verbraucherzeitschrift „Wasser- Magazin“ wird immer wieder auf die Privatisierungsfrage eingegangen und in einem Beitrag über die globale Trinkwasserknappheit wird zum Beispiel unter der Zwischenüberschrift „Hilfe nur für Besserverdienende?“ kritisch auf die bisherige Förderpolitik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds im Wasserbereich eingegangen.37 In einem Beitrag vom Mai 2001 wird klar Position bezogen. Es heißt über das Trinkwasser: „Es sollte ein Quell der Gesundheit bleiben und nicht ein Quell beliebiger Bereicherung werden. Deshalb sind die HWW ein erklärter Gegner einer sogenannten Liberalisierung oder Marktöffnung der Wasserversorgung.“38

Trotz solcher eindeutigen Positionen ist es in den letzten Jahren immer wieder zu Gerüchten und Debatten über eine HWW-Privatisierung gekommen.39 2002 hat diese Debatte eine neue Aktualität gewonnen, weil im Senat angesichts von Haushaltsproblemen darüber beraten wurde, ob man die Wasserwerke als ein besonders wertvolles Stück des verbliebenen „Tafelsilbers“ der Stadt verkaufen sollte. In der Hamburger Lokalpresse war bereits im Sommer 2002 zu lesen, dass ein großes Interesse von Konzernen wie RWE und EON sowie in Frankreich und Großbritannien an einer Übernahme bestehe.40 Auch ein HWW Aufsichtsratsmitglied bestätigt, es gäbe Firmen, die an der Übernahme von Anteilen der Hamburger Wasserwerke interessiert seien.41  Hames mochte eine Privatisierung auch nicht mehr ausschließen, erwähnte aber auch seine skeptische Einstellung42

27 Vgl. Harburger Anzeiger und Nachrichten, 22.11.1999, 26.6.2002 und 19.7.2002

30 Vgl. Hamburger Abendblatt, 10.12.2002

32 HWW-Geschäftsbericht 2001, S. 10, S. 36

33 Ebenda

34 Hanno Hames: Wasserversorgung nicht zerreden!, a.a.O., S. 66

35 Vgl. die tageszeitung, 3.8.2001

36 Im Internet zu finden unter www.wasser.de/aktuell/beitraege

37 Vgl. Wasser-Magazin, November 1999, S. 19

38 Wasser-Magazin, Mai 2001, S. 4

39 Pressemitteilung des Hamburger Landesverbandes der Umweltschutzorganisation BUND, 21.3.2000

40 Vgl. Hamburger Abendblatt, 19.6.2002

41 Vgl. die tageszeitung, Hamburg-Teil, 29.11.2002

42 Vgl. Hamburger Abendblatt, 19.6.2002

43 Ebenda

 

Als die Steuerschätzungen gegen Ende des Jahres immer ungünstiger wurden, gab es erneute Gerüchte über einen HWW-Verkauf. Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) wollte sich nicht direkt zur Frage äußern, welche Staatsbeteiligungen und staatlichen Unternehmen verkauft werden sollten, aber sein folgender Satz wurde als Signal verstanden, dass die HWW, die Gewinn erwirtschaften, nicht auf der Verkaufsliste stehen: „Je profitabler ein Unternehmen, desto geringer meine Neigung, es zu verkaufen.“ Die ertragreichsten Wasserwerke wurden in der Lokalpresse als „Peiners Liebling“ tituliert.44 Die Grünen forderten den Senat auf, sich mit den Erfahrungen bei der Wasserprivatisierung in England zu befassen.45 Sie zeigt beispielhaft, wie die negativen Konsequenzen in Ländern wie Großbritannien ein Begründungsproblem für die Verfechter der Privatisierung geschaffen haben.46

Die HWW-Privatisierungsdebatten lösten bei Umweltverbänden Proteste aus, so beim Landes-verband Hamburg des Naturschutzbundes. Der Geschäftsführer der Organisation, Stephan Zirpel, erklärte: „Der Hamburger Senat riskiert mit der Privatisierung bewusst englische Verhältnisse in Hamburg.“ Er fügte hinzu: „Wir befürchten außerdem, dass auch der Anspruch an einer nachhaltigen Wasserversorgung, von denen auch die kommenden Generationen profitieren, sehr stark leiden wird...“48

Im Februar 2003 nahm die Privatisierungsdebatte in Hamburg eine neue Dynamik an. Einerseits zeigte EON Interesse am Kauf der HWW, nachdem der Konzern bereits Hein Gas übernommen hatte. Andererseits zeigten die HWW Interesse am Erwerb des EON-Tochterunternehmens Gelsen-wasser, denn der Konzern steht unter Druck, seine Gelsenwasser-Anteile nach der Fusion mit Ruhrgas zu verkaufen - eine Auflage des Wirtschaftsministeriums für die Erlaubnis zur Fusion trotz der Ablehnung durch das Kartellamt und Gerichtsurteilen gegen den Zusammenschluss.

 

44 vgl. Hamburger Abendblatt, 30.11.2002

45 Vgl. Hamburger Abendblatt, 29.11.2002

46 Dies wurde zum Beispiel auch in einer Presseerklärung des Landesverbandes Hamburg der Umweltschutzorganisation BUND deutlich, in der diese Organisation und das Eine Welt Netzwerk Hamburg sich am 22.3.2001 gegen eine Privatisierung der Wasserversorgung aussprachen.

47 Vgl. Hamburger Abendblatt, 19.6.2002

48 Pressemitteilung des Landesverbandes Hamburg des Naturschutzbundes vom 29.11.2002

 

50 Außerdem wird berichtet, die Hamburger Wasserwerke führten Gespräche zur Übernahme von zwei weiteren deutschen Wasserunternehmen.51 Der HWW-Geschäftsführer erklärte zudem, man führe Verhandlungen über die Übernahme des Wasserwirtschafts-Managements von sieben Städten in Polen.52 Hames will offenkundig das eigene Unternehmen zum starken Akteur auf dem nationalen und internationalen Wassermarkt machen. Zu den Zielen von Gewinn und Nachhaltigkeit stellte er im Dezember 2002 in einem Interview fest: „Wir arbeiten so, dass wir die Anlagen als gesichertes Kapital an die nachkommende Generation weitergeben. Selbstverständlich wollen unsere Eigentümer einen angemessenen Gewinn für das von uns eingesetzte Kapital haben. Gewinn kann aber bei nachhaltigem Handeln nicht Profitmaximierung zu Lasten der Ziele des Versorgungsauftrages bedeuten. Unsere Stärken liegen darin, dass wir als Betreiber wirtschaftliches Denken und nachhaltiges Handeln miteinander vereinbart haben.“53

Die Debatten um eine Privatisierung oder Teilprivatisierung der HWW lösten bei Parteien und in der Öffentlichkeit Proteste aus. Verschiedene Hamburger Initiativen, darunter attac- Hamburg, FIAN, Verbraucherzentrale und Eine-Welt-Netzwerk haben sich zum Aktionsbündnis „Unser Wasser Hamburg“ zusammengeschlossen.56 Die Initiative wehrt sich gegen eine Privatisierung der HWW, aber auch dagegen, dass die Wasserwerke nun ihrerseits auf „Einkaufstour“ gehen. „Unsere Wasserwerke liefern beste Wasserqualität und sind vorbildlich beim Umweltschutz“, erklärte Beate Wutke für das Aktionsbündnis „Nur eine demokratisch kontrollierte Wasserversorgung in öffentlicher Hand garantiert, dass dies auch so bleibt! Das müssen wir Hamburger selbstverständlich auch anderen Kommunen zugestehen.“57 Das Aktionsbündnis hat als ersten Schritt für eine Volksinitiative gegen eine Privatisierung der Wasserversorgung eine Unterschriftensammlung eingeleitet. Es ist in Hamburg allerdings ein weiter Weg, um über Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid tatsächlich Einfluss auf die politischen Entscheidungen zu nehmen.

Finanzsenator Wolfgang Peiner wollte eine Teilprivatisierung in einem Fernsehinterview aber nicht ausschließen.58 Darauf reagierte der Sprecher des Aktionsbündnisses, Klaus Milewski, mit der Erklärung, er halte eine solche Position für „Augenwischerei“: „Denn unser Finanzsenator müsste wissen, dass ein Privatunternehmen nur in ein Wasserwerk einsteigt, wenn es Profit machen kann. Dass aber gelingt ihm nur, wenn es – unabhängig von einer Minderheits-oder Mehrheitsbeteiligung – die Kontrolle über das operative Geschäft erhält. Das Resultat sind massive Sparmaßnahmen. Sie gehen typischerweise zu Lasten der Trinkwasserqualität, zu Lasten der Versorgungssicherheit und zu Lasten des Gewässerschutzes.“59

 

59 Zitiert aus einer Pressemitteilung von Unser Wasser Hamburg, 21.2.2003

51 Die Welt, Hamburg-Teil, 7.2.2003, 9.12.2002 und 6.12.2002

54 die tageszeitung, Hamburg-Teil, 14.2.2003

55 Zitiert nach: Hamburger Abendblatt, 19.2.2003

56 Vgl. www.unser-wasser-hamburg.de

57 aus einer Pressemitteilung von Unser Wasser Hamburg, 14.2.2003

 


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27.05.2004